Statistiken zeigen, dass es ... mehr Stellungen gibt, in denen der Läufer (dem Springer) vorzuziehen ist als umgekehrt, und das bedeutet, dass beim Tausch eines Läufers gegen einen Springer entschiedene Gründe, die dafür sprechen, vorliegen sollten. Umgekehrt ist der Tausch eines Springers gegen einen Läufer stets angezeigt, falls nicht klare Gründe dagegen sprechen.
Ganz klar muss man sich über das Wertverhältnis von Läufer und Springer sein. sie sind keineswegs gleichwertig. Der Läufer ist im allgemeinen durch die ganze Partie hindurch die stärkere Figur. Nur wenn ein Springer im Zentrum steht, auf den Linien c-f, auf der vierten bis sechsten bzw. für Schwarz auf der fünften bis dritten Reihe, womöglich gedeckt von einem Bauern, dann ist er dem Läufer überlegen, da er das halbe Brett beherrscht, und beinahe so stark wie ein Turm. Dies ist ein äußerst wichtiger, von mir aufgestellter Satz, der der ganzen Spielführung von vornherein Klarheit und Sicherheit verleiht. Die leichten Figuren kann man sehr wohl rechnerisch als drei Bauern wert veranschlagen, man muss sich nur darüber klar sein, dass diese Schätzung in der praktischen Partie meist falsch ist. Ein Läufer ist meist mehr als drei Bauern wert, auch ein Springer in der Eröffnung und im Mittelspiel. Alles kommt aber hierbei auf die sonstige Stellung der Bauern an. Ist die Bauernmacht nicht verteilt, sondern auf einer Seite, sind die Bauern schon weit vorgerückt und verbunden, dann sind sie häufig mehr wert als selbst ein Läufer.
Im allgemeinen ist es nicht günstig, einen Läufer für einen Springer abzutauschen, es ist jedoch noch schlechter, den "Angriffsläufer" gegen einen Springer abtauschen zu lassen.
Im Nimzoinder muss der Nachziehende immer vorbereitet sein, seinen Königsläufer gegen den weißen Damenspringer zu tauschen. Die Theorie hat Zugfolgen entwickelt, in denen Schwarz entweder Doppelbauern im feindlichen Lager erzwingen oder die Initiative ergreifen kann. Hat Schwarz kein Verständnis für diese Ausgleichwerte, gibt er das Läuferpaar für nichts auf mit allen unangenehmen Folgen.
Wer ist stärker - der Läufer oder der
Springer? Diese Frage stellen sich Schachspieler immer wieder.
Eine leichte Figur, d.h. Läufer oder Springer, entspricht etwa drei
Bauern, also wenn die Stellung keine Besonderheit aufweist, ist der
Kampfwert der beiden Leichtfiguren, wenn sie sich einzeln
gegenüberstehen, als ungefähr gleich anzusehen.
Häufig weisen aber Stellungen Besonderheiten auf, bei denen sich die
Stärken und die Schwächen des Läufers und des Springers sogar in
partieentscheidender Weise auswirken können. Das bedeutet, dass ihr auf
dem Brett gebildeter Wert ständigen Schwankungen unterliegt.
Die Fähigkeit, die relative Stärke der Figuren während des
Kampfgeschehens richtig zu bestimmen, erfordert positionelles
Fingerspitzengefühl! Gerade in solchen Situationen ist nicht nur
logisches Denken, sondern auch ein feines ästhetisches Positionsgefühl
vonnöten.
Man tausche daher niemals unüberlegt einen Läufer gegen einer
Springer, oder umgekehrt, ab.
Die Läufer besonders stark sind, wenn ihre
Fernwirkung voll zur Geltung kommt. Der Läufer ist meistens in
Stellungen stärker, in denen die Bauern auf beiden Flügeln verschieden
verteilt sind, die Bauernformationen nicht starr, sondern beweglich sind
und die Stellungen offene Linien und Diagonalen aufweisen. Der Springer
braucht stets mehrere Züge, bis er vom einen Ende des Brettes an das
andere gelangt, während der Läufer dies mit einem Zuge vermag.
Die Stärke des Läufers zeichnet sich in einem Endspiel, in dem an
beiden Flügeln operiert wird, besonders klar ab. Hier steht der
Springer, der nur kurze Sätze vollführen kann, dem Läufer deutlich
nach. Ein guter Läufer ist folglich etwas stärker als ein Springer.
In geschlossenen Stellungen mit festgelegten
Bauernketten, noch dazu wenn die Wirksamkeit des Läufers durch eigene
Bauern eingeschränkt wird, wächst die Bedeutung des Springers.
Die Schwäche des Läufers bei starren Bauernformationen tritt vor allem
dann zutage, wenn die Bauern auf Feldern stehen, die der Felderfarbe des
Läufers entsprechen. Man kann sich als Faustregel merken, dass der
Läufer im allgemeinen gut steht, wenn die Bauern auf den seiner
Felderfarbe entgegengesetzten Feldern stehen, und dass er schlecht
steht, wenn die Stellung der Bauern der Felderfarbe des Läufers
entspricht. In solchen Fällen spricht man vom guten oder schlechten
Läufer.
Ein schlechter Läufer ist etwas schwächer als ein Springer, vor allem,
wenn der Springer eine zentrale Position einnimmt (z.B. wenn er einen
isolierten Bauern des Gegners blockiert).
Ein zentralisierter Springer ist einem aktiven Läufer gleichzusetzen.
Und schließlich darf man den subjektiven Faktor der Beurteilung nicht
außer acht lassen.
Sympathien für den Läufer oder Springer werden weitgehend von Stil und
Geschmack beeinflusst. So waren Steinitz und Tarrasch echte
"Läuferanhänger", während Tschigorin die Springer
bevorzugte und darauf sogar ganze Eröffnungssysteme aufbaute.