Die Strategie des Spiels auf der offenen Linie ist gänzlich anders geartet als das der halboffenen Linie. Im Falle der offenen Linie liegt der Vorteil bei der Seite, die die Linie beherrscht und den Gegner daran hindert, sie zu besetzen. Das Mittel, dieses Ziel zu erreichen, besteht vor allem darin, die offene Linie mit so vielen Schwerfiguren wie möglich zu besetzen.
Ist der Besitz der Linie einmal gesichert, geht man daran, aus diesem Vorteil vollen Nutzen zu ziehen. Die angezeigte strategische Methode besteht darin, in die feindliche Stellung über die 7. und 8. Reihe einzudringen. Im Hinblick darauf, dass Bauern am verwundbarsten gegen seitliche und Angriffe von rückwärts sind, ist dieses Eindringen der erfolgversprechendste Weg, die offene Linie im Endspiel zu verwerten. Das Eindringen kann auch dazu dienen, einen frontalen Angriff am Königsflügel von der Seite zu unterstützen.
"Halboffen" ist eine Linie, auf der der Bauer einer Partei entfernt worden ist, während der der anderen verbleibt. Offene Linien sind oft nutzlos, weil beide Seiten sie mit Türmen besetzen können; darum sind halboffene Linien strategisch oft wichtiger und vielversprechender als der fruchtlose Versuch, eine offene Linie zu beherrschen.
Immer wenn König oder Dame auf der gleichen Linie wie eine geringwertige feindliche Figur stehen, die sie angriffen, stünden keine Steine mehr dazwischen, ist Gefahr im Verzuge, und falls es keinen zwingenden Grund gibt, einen anderen Zug zu machen, ist es vernünftig, König oder Dame aus dieser Linie herauszuziehen.
Im allgemeinen ist die Dame eine zu wertvolle Figur, als dass man sie auf der gleichen Linie stehen lassen könnte, auf der sich ein feindlicher Turm befindet, auch wenn noch eine Figur oder ein Bauer von beliebiger Farbe zwischen ihnen steht.
Unter "indirektem Druck" ist die Wirkung zu verstehen, die fühlbar wird, wenn eine auf der offenen Linie im Wege stehende Figur den Platz geräumt hat. Indirekte Angriffe können sehr verräterisch sein.
Offene Linien nennt man Vertikalen, auf
denen sich keine Bauern mehr befinden. Steht auf einer Vertikalen nur
ein Bauer, bezeichnet man sie als eine halboffene Linie.
Offene und halboffene Linien sind Rollbahnen, auf denen die schweren
Figuren ins gegnerische Lager Einzug halten. Wer sich einer offenen
Linie bemächtigen konnte, hat einen Erfolg errungen.
Offene Linien darf man nicht freiwillig aufgeben. Oft tobt der Kampf in
einer Partie um die Beherrschung einer offenen
Linie.
Eine offene Turmlinie dauerhaft zu besetzen ist ein wichtiger
strategischer Erfolg bei der Verwirklichung eines Planes. Ist auf dem
Brett nur eine einzige offene Linie
vorhanden, garantiert die Herrschaft
über sie bei sonst gleichen Bedingungen in den meisten Fällen fast
schon den Sieg.
Nimzowitsch schrieb: "Das Ideal jeder Linienoperation besteht in
dem schließlichen Eindringen auf dem Wege dieser Linie in das Spiel des
Gegners, also in dessen 7. oder 8. Reihe (von uns, Weiß, gezählt)."
Ein gesondertes strategisches Element ist die vernichtende Wirkung
zweier vereint handelnder Türme, die auf die 7. Reihe gelangen. Dabei
kann es um die verschiedenen Formen eines Mattnetzes, das Erzwingen
ewigen Schachs durch fortwährende Verfolgung des gegnerischen Königs
sowie um alle erdenklichen Fälle eines kombinierten Angriffs auf der 7.
und 8. Reihe gehen.
Die Wirksamkeit der Türme (wie auch schon die eines einzelnen Turmes)
auf der 7.Reiche nimmt noch sprunghaft zu, wenn Weiß einen Freibauern
besitzt, den er zur Unterstützung heranholen kann.
In Partien, in denen die Türme die erste Geige
spielen, zerfällt der strategische Plan in folgende Teile:
a) Schaffung der offenen Linie.
b) Die Erhaltung der Kontrolle über die offene Linie. Das gelingt
gewöhnlich nach Verdopplung der Schwerfiguren auf der geöffneten
Linie. Manchmal geschieht das hinter maskierter Deckung eines
Leichtfigurenpostens.
c) Einbruch der Türme ins gegnerische Lager.
Der Einbruch kann den rein technischen Gewinn im Endspiel ergeben,
positionelle Vorteile sichern oder zu einem kombinatorischen Zerschlagen
der gegnerischen Königsstellung führen. Das ist erklärlich, weil die
Bauern auf der siebenten Reihe am verwundbarsten gegen seitliche
Angriffe sind und auch verschiedentlich von hinten bedroht werden
können.